Rodrigez Gedanken während der Nachtwache, Karwoche im März Samstagabend,

 

Nach ein paar Tagen haben wir uns nun also einen Überblick verschafft. Trotz der düsteren Vorahnungen haben wir wohl alles in allem doch nicht die Katze im sprichwörtlichen Sack gekauft – zumindest nicht gänzlich. Immerhin, es gibt einen Bauernhof und eine Schmiede, einen Steinbruch und eine Mine und die Feste selbst befindet sich in leidlich gutem Zustand. Wir haben vier Milizen und können so zwei Wachposten rund um die Uhr besetzt halten. Schutz für uns und unsere Untergebenen ist in dieser Gegend entscheidend. Um das zu gewährleisten, bleibt uns nichts anderes übrig, als die Steuern geringfügig anzuheben. Der Ausbau der Mine und des Steinbruchs mögen uns irgendwann in die Lage versetzen, diese unpopuläre Entscheidung zurückzunehmen. Andererseits: Schutz ist nun mal teuer – insbesondere in diesen Zeiten. Außerdem haben wir die Vorräte geräumt, die von den Engländern unrechtmäßig abgepresst wurden und an die Bevölkerung verteilt. Dewegen und wegen dem anstehenden Osterfest sollten die Dorfbewohner dem Herrn danken, dass nun wir die Herrscher auf Igelsheim sind und nicht mehr die leidigen Engländer.

 

Soweit so gut also. Aber die Gegend liegt mitten im Kriegsgebiet zwischen den Magyaren und dem Kaiser und nun hat sich auch noch der neue Bischof Pietro di Milano in die Sache eingemischt und streckt die Finger nach der Wildermark aus. Ebenso scheint der Baron von Brünn die seinen auch mit drinstecken zu haben. Dem sind wir sicherlich ein Dorn im Auge nach allem was vorgefallen ist. Angeblich hat der alte Baron von Wilders seine Baronie an die Kirche vermacht. Das kann wohl bestenfalls unfreiwillig gewesen sein. Die Magyaren hatten ihn schon überrannt. Entweder hoffte er auf späten Beistand durch die Kirche oder auf Erlösung im Jenseits. So wie es aussieht wurde ihm weder das eine noch das andere zuteil. Und dann sind da noch die Engländer. Was die in der Gegend treiben, von wem sie angeheuert wurden oder ob sie auf eigene Faust marodieren, konnten uns bisher weder Dietmar noch Marschall Ludendorf oder sein Leutnant Fen von Dolenhorst sagen.

Ob es eine gute Entscheidung war, sich auf die Seite der Kaiserlichen zu schlagen, weiß zwar bisher nur Gott allein, aber was blieb uns schon anderes übrig. Nun weht jedenfalls das Kaiserliche Banner über Igelsheim und wir stehen mit Brief und Siegel unter dem Schutz des Kaisers, was in dieser Gegend nicht das Schlechteste sein muss, zumal Marschall Ludendorf über eine Einheit von fünf Mann Kavallerie und zehn Mann Infanterie befehligt. Und wenn es uns gelingt hier im Namen des Kaisers für Recht und Ordnung zu sorgen, besteht womöglich Hoffnung, dass ich doch noch eines Tages zum Ritter geschlagen werde, auch ohne adlige Vorfahren. Und dann, ja und dann, auf meiner eigenen Burg ein Ritterturnier veranstalten – ja, was würde ich dafür geben? Aber ich sollte das träumen lassen. Was ist mir schon vergönnt? Rodrigez aus Santa Diaz dela Vivar! Da werde ich wohl noch viele Ave Maria beten müssen… Jedenfalls ist Ludendorf nun davon. (Hat er eigentlich die Karte da gelassen?) Es soll einen Überfall auf den Ritter von Oppenstein gegeben haben. Dafür kommen wohl Leomar von Berg oder Bastard von Bolten infrage. Oder die Magyaren, obwohl – die wollten eigentlich Franken noch irgendetwas mitteilen. Das hatte ich ja ganz vergessen. Ob es wichtig ist? Oder waren es doch die Engländer. Wenn wir hier für Frieden sorgen wollen, werden wir uns in Zukunft nicht nur auf mein Schwert verlassen dürfen, sondern uns auch in der Kunst der Diplomatie üben müssen. Wenn ich nur wüsste, wie das geht… Nun ja, die Witwe von Igelsheim mitsamt ihrer verbliebenen Habe sicher zum Herzog zu geleiten, möge sich noch zu unserem Vorteil entwickeln. Jedenfalls dürfte sich hier und da rumgesprochen haben, wer die neuen Herrscher auf Igelsheim sind.

 

Politik, Politik – ob damit auch der Müller von Zweimühlen zu tun hat? Aus seinem Burschen, dem Schwarze Falk, haben wir immerhin herausbekommen, dass der Müller heute Nacht eine Lieferung bringen will. Was um alles in der Welt karrt ein Müller heimlich im Schatten der Dunkelheit zu den Engländern. Was mir allerdings noch viel größere Sorge macht, sind die Gerüchte, dass der Müller mit Geistern zu tun hat. Sie sollen schon den Bürgermeister und den Dorfschulzen von Zweimühlen geholt haben. Wer weiß, welches Teufelswerk sich dahinter verbirgt und was der Müller mit den Engländern zu schaffen hatte. Mit Geistern will ich jedenfalls nichts zu tun haben. Lieber kämpfe ich gegen eine Kompanie Magyaren als einem Geist zu begegnen. Die Geschichten meiner Großmutter haben mir da schon genügt. Aber wenn ich an die Erscheinungen auf der Burg Argunon in Kastilien zurückdenke, schlottern mir heute noch die Knie. Aber horch! Da kommt ein Karren… Sollte ich mich vielleicht doch lieber im Keller verstecken und warten bis der Spuk vorbei ist?