Tagebuch Session 23 - Nachts im Kloster
Aufgezeichnet von Anselm
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Schon unsere heilige Schrift erinnert uns daran, dass offensichtliche Stärke kein Garant für den Sieg ist und dass auch der Schwächere mit Mut und List den Riesen zu Fall bringen kann. Der Herr möge mir diese einseitige Auslegung der Geschichte von David und Goliath in seiner unermesslichen Güte verzeihen. Aber an eben diese Geschichte muss ich in mehrfacher Hinsicht denken, vergegenwärtige ich mir die Ereignisse des gestrigen Abends.

Jetzt, da ich im Sattel meines gutmütigen Reittieres sitze, seine schier nicht enden wollende Geduld mit meiner Unkenntnis wird ihm hoffentlich mit einem langen Leben gelohnt, und die Ereignisse Revue passieren lasse, geht mir auf, wie nah wir dem Tod waren.

Verschuldet haben wir die Gefahr ohne Zweifel selbst, indem wir so leichtsinnig den Kampf mit der päpstlichen Wache im Turm begannen. Dass wir daraufhin den Diakon höchstselbst seinem Schöpfer gegenüber treten ließen, war nur ein weiterer Schritt auf unserer Gradwanderung am Abgrund des Verderbens.

Es stand jedenfalls fest, dass wir uns schnell aller Beweismittel entledigen mussten, die uns so leicht verraten konnten. Franken versuchte sich mit den Mordwaffen von dannen zu schleichen, wurde jedoch von zwei Magyaren gestellt und durch einen Speer schwer verwundet. So gingen wir mit dem entscheidenden Nachteil einer erdrückenden Beweislast in die Verhandlung, die der Abt des Klosters, wie es scheint noch recht jung in seinem Amt, zum Zwecke der Klärung der begangenen Morde einberufen hatte.

Gegen uns sprachen unter anderem der Pfeil, mit dem die Wache erschossen wurde, die Verletzung, die Hildebrandt durch die noch blutbefleckte Schwertspitze des Wachmanns davongetragen, sowie der Schlüssel des ermordeten Diakons, den wir an uns genommen hatten. All unsere Plädoyers, halfen nichts. Und da der Anführer der Magyaren, ein Mogul, wie er sich selbst nannte, eine natürliche Begabung hatte, Menschen einzuschüchtern, endeten wir bald, durch den Abt zum Tode verurteilt, in einer Zelle des Klosters. Daran konnte auch der tapfere Versuch Mathildes, unsere Verhandlungsgegner milde zu stimmen nichts ändern. An dieser Stelle möchte ich gerne noch die mutige Reaktion Frankens erwähnen, der sich trotz seiner schweren Verletzung dem Mogul entgegenstellte ohne sich einschüchtern zu lassen. Er allein bewies den Mut eines Davids, vergalt es ihm der Himmel auch mit kurzzeitiger kognitiver Absenz durch die Hand des Moguls. So saßen wir von einer Übermacht brutaler Barbaren überwältigt und der erdrückenden Schwere der kirchlichen Rechtsprechung verurteilt in unserem Gefängnis und harrten unseres Todes. Es schien, als hätte Lachesis bereits unseren Lebensfaden bemessen, wäre nicht Rodrigez, der sich über die Mauer ins Kloster geschlichen hatte, zu unserer Rettung geeilt. und hätte uns mit List befreit.

Angetrieben vom Verlangen nach Gold machten sich Rodrigez, Franken und Mathilde auf die Suche nach der Soldkasse in dem Turmzimmer, aus dem der Diakon nach seiner Verwundung gestürzt war - indes ich beschloss der Bibliothek des Klosters einen Besuch abzustatten. Die drei waren erfolgreich und schafften es über das Dach ins Turmzimmer zu gelangen, wo sie eine Truhe mit einer äußerst wertvollen Rüstung und einem Schreiben fanden. Leider war das Ergebnis meiner Suche weniger interessant: Die Bibliothek war von den Mönchen geräumt und dem Diakon als taktisches Hauptquartier zur Verfügung gestellt worden. Ich konnte nur einige profane Dinge wie eine Truppenkarte finden. Zumindest konnte ich in dem Zusammenhang in Erfahrung bringen, dass sich aktuell in Wehrheim zwei Fähnlein Bogenschützen, zwei Speertruppen und eine Gruppe schwertbewaffnete Fußtruppen aufhalten.

Bevor wir das Kloster verließen, statteten wir noch dem Zimmer des Abtes einen Besuch ab, wobei ich eine recht kühne Abhandlung über die Astronomie und den Einfluss der Konstellation der Gestirne auf irdische Ereignisse fand. Und natürlich verließen wir das Kloster auch nicht ohne unsere Pferde aus dem Stall einzusammeln – ein gefährliches Unterfangen, das durch die anscheinend grenzenlose Trunksucht der Magyaren stark begünstigt wurde.

Und so hatten wir es nicht nur geschafft, uns der übermächtigen Gefahr zu entwinden, sondern auch Bischof und Kloster einen schmerzenden Stich zuzufügen, den sie so schnell nicht vergessen werden. Bleibt zu hoffen, dass David sich auch in den noch folgenden Gefahren mit Mut und List bewähren wird.

Doch diejenigen von uns, die sich in dem Glauben gewiegt haben, sie könnten die folgenden Tage für ein ruhiges, ausgiebiges Studium oder das unentwegte Putzen von Metall, wie schön, dass der Herr die Interessen der Menschen so vielfältig gestaltet hat, nutzen, hatten sich geirrt:

Bereits am folgenden Tag, erreichte uns durch Zwei-Finger-Heinrich, zumindest glaube ich, dass er so heißt, die Nachricht, dass König Artus persönlich angedroht habe, unsere Burg zu besetzen, um das Blut zu rächen, das seine Landsleute dort vergossen hatten. Zumindest können wir uns über fehlende Aufmerksamkeit durch die Großen dieser Welt nicht beklagen, aber eine glücklichere zeitliche Abstimmung unserer Prügeleien wäre zumindest in meinen Augen wünschenswert.