12. Marz im Jahre des Herrn 1100 - Kurz vor Mitternacht
Geld alleine macht nicht glucklich: Dieses Sprichwort habe ich bisher in jedem Land in der einen
oder anderen Abwandlung gehort. Meistens klang es fur mich zwar eher wie eine Ausrede der Reichen
gegenuber den Armen. Aber jetzt, mit dem Reichtum in Form einer Goldmunze in unserer, oder vielmehr
Rondriguez, Tasche fuhlt sich das alles ganz anders an. Weder fuhlt man sich zufriedener noch sicherer.
Auerdem hat man dauernd das Gefuhl, man sei noch immer zu arm. Nun mag dies auch daran liegen,
da Rondriguez fast alle von uns mit der xen Idee angesteckt hat, dieses Rittergut zu kaufen. Einzig
Premysl bringt bislang keine rechte Begeisterung dafur auf: Aber ist das verwunderlich? Immerhin hat
er Titel, Herkunft und vermutlich mehr Geld im Sackel als jeder von uns jemals vor dem heutigen Tag
besa.
15 Schillinge, was ist das schon, wenn man einen ganzen Goldgulden besitzt? Eine nahezu lacherliche
Summe, doch ist es oenbar ein Ding der Unmoglichkeit an dieses "Kleinigkeit\ heranzukommen.
Der Geldleiher im Brunner Judenviertel mag fur unseren verruckten Plan sein Sackel nicht onen: Er
will eine Sicherheit oder zumindest einen Burgen, der fur die geliehene Summe geradesteht. Aber weder
das eine noch das andere konnten wir bieten und so standen wir in der fruhen Abenddammerung noch
genauso arm (oder reich) da wie wenige Stunden zuvor. Immerhin schaten wir es noch vor Einbruch der
Dunkelheit zuruck in die Sicherheit der Stadtmauern. Sicherheit? Es ware sicher gewesen, wenn nicht
der Junge Premysl angesprochen hatte und ihm gegen Bezahlung von 5 Kupferkronen etwas wichtiges
zeigen wollte. Zwar handelte Premysl den Kleinen auf zwei Kronen herunter, aber das "Interessante\
erwies sich letztlich als das von mir befurchtete: Eine Falle.
Ein Gutes hatte es ja, da Rondriguez nicht mitgekommen war und somit er und die Munze in seinem
Sackel sicher im Goldenen Krug saen. Doch uns nutzte das nichts, denn die vier Schlager wollten
uns nicht glauben, da wir das Geld nicht bei uns hatten. Ich gebe ja zu, ich hatte nicht eine rostige
Kupferkrone auf uns gewettet, aber wer hatte gedacht, da Waibel so ein Berserker sein kann? Und
da Franken so ein guter Schutze ist, da er auf jedem Jahrmarkt sein Geld damit verdienen konnte,
war auch auerst unerwartet.
Ich ware ja noch begeisterter von diesen Darbietungen gewesen, wenn ich nicht die Keule eines dieser
Wegelagerer ins Gesicht bekommen hatte. Meine Backe durfte wohl so dick sein wie die zusammengelegten
Doppelkinne von drei Fernhandlern, aber immerhin kann ich noch geradeaus sehen, nicht? Zu
so etwas haben die vier Mochtegernhalunken keine Gelegenheit mehr. . .
Den kleinen Lockvogel hatte Premysl noch am Schlawitchen erwischt, aber aus dem war nichts brauchbares
rauszukriegen. Ich wei nicht welche Honungen auf Erkenntnisgewinn Premysl bei dieser Befragung
hatte, aber neben Sprichworten sind auch andere Dinge in jedem Land gleich: Die Kleinsten sind
Tater und Opfer zugleich. In Paris genauso wie in Brussel. Warum also sollte es gerade hier in Brunn
anders sein?
Insgeheim ware ich ja dafur gewesen, dem Kleinen eine Ohrfeige und einen Arschtritt mit auf den
Weg zu geben und ihn laufen zu lassen. Aber mit einer Backe, die sich groer als der zugehorige Kopf
anfuhlte, wollte ich mich nicht auf lange Diskussionen einlassen. So ubergab Premysl den Jungen der
Stadtwache, damit sie ihn einige Tage in den Turm werfen sollten. Aber vielleicht hat Premysl zu
gelehrte Vorstellungen von den Hutern der Ordnung: Warum die Arbeit machen, die kleine Ratte in
den Turm zu werfen, wenn man ihn doch auch gleich an Ort und Stelle zusammenschlagen konnte?
Wahrend meine Kameraden zum Goldenen Krug zuruckkehrten und die Stadtwache sich davontrollte
kummerte ich mich noch um den Jungen: Klar, viel mehr als Blut abwaschen und ihm einige Munzen
in die Hand drucken konnte ich auch nicht. Und vielleicht hatte ich das auch nicht tun sollen. . . Aber
andererseits: An einem anderen Tag bin vielleicht ich es, der den Stiefel der Wache im Gesicht hat.
Fortuna ist launisch und wenn ich jedes Mal, wenn die Wachen glaubten "dem fahrenden Pack mal
Recht und Ordnung beibringen zu mussen\ eine Handvoll Kronen bekommen hatte, dann brauchten
wir keinen Geldverleiher.
Auerdem sollte sich diese Nacht noch als Nacht der Freundlichkeit und Vergebung erweisen, nicht
wahr?
Im goldenen Krug scharwenzelte der Wirt schon um meine Kameraden herum und bot ihnen von
feinsten Schlemmereien bis hin zur eigenen Tochter alles an: Tjaja, die Magie des Geldes, nicht wahr?
Eine seltsame Nachricht unterbrach die Genusse: Wir sollten Schlag neun Uhr in ein bestimmtes Zimmer
im Gasthaus gehen und keinesfalls anklopfen. Den Zettel, den die Magd Premysl in die Hand druckte,
hatte sie von einem dunkelhautigen Burschen erhalten. Man sollte nun ja glauben, all zu viele Manner
auf die diese Beschreibung pate, gabe es nicht in Brunn, aber ihr war dieser Bursche vollig unbekannt.
Noch eine Falle? Andererseits, im Goldenen Krug war kaum zu erwarten, da irgendwelche Straen-
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schlager einen Hinterhalt errichten wurden, schon alleine weil sie es dann mit dem Wirt zu tun kriegen
wurden, der es sich zur Aufgabe gemacht haben schien, unseren gesamten Reichtum in seine Sackel zu
kriegen.
Wir gingen also zur besagten Stunde in den Raum im ersten Stock. Vorsichtig zwar, Waibel vorneweg
mit Wae und Schild, aber diese Umsicht erwies sich als vollig unnotig, denn was wir dort sahen. . .
Manche Leute verwechseln uns McGyre ja mit den McGyver, insbesondere dann wenn sie etwas zuviel
Whisky im Bauch haben und die Aussprache etwas undeutlicher wird. Grovater hat bei solch einer
Gelegenheit dem alten McGregor mit dessen eigenem Dudelsack die Nase gebrochen. . . Man mu das
aber auch verstehen: Wer mag schon den eigenen Clan mit den Schafsbesteigern verglichen horen?
Nun, hier ging es nicht um die McGyvers und deren Schafe sondern um den Abt und einen jungen
Burschen. Ich bin nicht so gelehrt wie unser Premysl, aber ich meine mich zu erinnern, da einer
der Kreuzugsaufrufer von solchen Untaten im heiligen Land erzahlt hat und von ewiger Verdammnis
und Hollenstrafe fur diese Todsunder kundete, auf deren Weg sie die tapferen Heerscharen dessen
Abendlandes schicken sollten.
Weder bin ich ehrbar noch bin ich tapfer und ein Heiliger sicher auch nicht. So hatte ich auch keine
Einwande, als sicher das Gesprach zwischen peinlich beruhrtem Abt und meinen Kameraden letztlich
zu einem interessanten Thema hinwendete: Unser Schweigen und die Gegenleistung dafur.
Ob Segen auf einem Unterfangen liegt, da so beginnt, das wird sich erst noch zeigen, aber zumindest
haben wir einen Burgen fur den Geldverleiher gefunden, wenngleich wir dem Abt schworen mussen, die
Schuld rechtzeitig wieder einzulosen.
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